Night City Raiders_

Prosa

Background: Avi (Madaya Bol)

Avatar von Avi: Madaya Bol Veröffentlicht vonAvi: Madaya Bol
Es gibt eine Flüssigkeit in Night City, welche in größeren Strömen fließt, als jede andere. Frisches Wasser? Wohl kaum. Wenn du kein Corpo oder Edgerunner mit einem Gehalt von dem andere nur Träumen können bist, weißt du nicht einmal, wie frisches Quellwasser schmeckt. Bier, welches schmeckt, als hätte jemand seine Toilettenspülung durch einen Filter gejagt und in Flaschen abgefüllt? Schon eher, aber die meisten trinken lieber NiCola, alleine vom Geschmack her. Die Flüssigkeit, welche in NC wie ein rotes Meer fließt, ist Blut. Blut, von irgendwelchen Gangbangern, die sich für irgendwelche Fixer oder Territorium gegenseitig die Birnen wegballern. Blut, das aus der Nase von einem armen Straßenpenner läuft, der gerade von einem frustrierten Anzug, der sein Leben bei Arasaka oder Militech verschwendet, die Fresse gehörig poliert bekommt.

Wer genauer hinguckt, wird es überall in NC sehen. Es klebt sowohl metaphorisch als auch im buchstäblichen Sinne an vielen von den Credchips mit denen man über die Runden kommt, irgendwo an den Wänden der Gossen oder hinter schäbigen Imbissbuden klebt es, denn die Leichenentsorgung ist noch immer günstiger als der Reinigungsdienst. Vor allem wenn man bedenkt, dass die Leichen, in denen irgendwas Wertiges verbaut ist sowieso schneller als man bis drei zählen kann von Scavs aufgeschnappt und aufgeschnippelt werden. Doch während die Scavs nichts als grobe, abartige Schlächter sind, kommen mir auch genug Leute unter das Messer. Jedoch nicht zum stumpfen zerlegen, sondern im Gegenteil. Denn ich bin ein Medtech.

Meine Kindheit war, um ehrlich zu sein, ziemlich unspektakulär für die Verhältnisse von Night City. Kein Onkel mit Raketenwerfer im Arm, der es geschafft hat, sich selbst mit dem Teil in roten Nebel zu verwandeln, auch waren meine Eltern nicht in rivalisierenden Gangs, als sie sich kennengelernt haben. Stattdessen kamen sie kurz bevor meine Mutter mich geboren hat in NC an, wurden von einer Nomadenfamilie aufgenommen, den Aether Raiders. Während die Erinnerungen, die ich von damals noch besitze mit der Zeit immer schwammiger werden, sind es dafür die umso schöneren.

Etwa ein Jahr um Weihnachten herum, als die Erwachsenen es schafften, von einer Sonderlieferung einen echten Tannenbaum für die Familie zu besorgen. Zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nicht einmal, dass es welche gibt, die nicht aus Plastik bestehen! Typisch für Nomaden lernte ich allerdings auch das Basteln und Wiederverwerten für mich kennen. Doch im Gegensatz zu anderen lag mein Interesse weniger darin, an Maschinen oder Chrom zu schrauben, sondern darin das Fleisch, welches sie bedient, wieder in einen besseren Zustand zu befördern. Doch bevor ich alt genug war, von jemandem von den Aether Raiders eine Grundausbildung zu bekommen, wurden meine Eltern aus der Familie verbannt und sie würden mich mitnehmen. Natürlich habe ich meine Freunde vermisst, vor allem Dian, einem Techie, mit dem ich noch einige Zeit Kontakt pflegen konnte. Doch was den Abschied ein bisschen weniger schmerzhaft machte, war, dass ich dieses Jahr zu meinem Geburtstag den Spielzeug AV im TraumaTeam design bekommen habe, welchen ich mir zu dem Zeitpunkt gewünscht habe. Ein tolles Ding, wunderbar lackiert und es konnte von alleine abheben. Es steht bis heute in einem Regal hinten in meiner Klinik.

Mit meinen Eltern bin ich ein wenig weiter in die Stadt nach Rancho gezogen. Hier habe ich meine Jugend verbracht, wo ich im Gegensatz zu anderen Jugendlichen mich aus dem Krieg zwischen den Tinos und 6th Street rausgehalten habe, damit nicht nur mein Leben, sondern auch gelernt habe, das von anderen zu bewahren. Eventuell sind ein paar Kollegen von mir nach der einen oder anderen Schießerei zu mir gekommen und haben mich angebettelt, dass ich ihnen Speedheals verabreiche, nachdem die Gonks eine Kugel im Fleisch hatten. Es war auf eine komische Art süß wie diejenigen, welche den Tag vorher noch auf dicke Hose gemacht haben, so verletzlich rumhingen und sich ausnahmsweise einmal helfen ließen. Doch sind noch immer Taten mehr wert als Worte und mit der Zeit wurden die Verletzungen größer als meine, zu dem Zeitpunkt amateurhaften Fähigkeiten und der Bekanntenkreis kleiner.

Einige Jahre später war es allerdings an der Zeit, dass ich mein Können in der Praxis benutzen würde, denn ich entschied mich bei TraumaTeam anzufangen. Überhaupt dort reinzukommen war ein Prozess, knochenharte unbezahlte Praktika, stundenlanges Training mit irgendwelchen Chips, wie ich medizinische Eingriffe durchführen oder ein Paar Drogen zusammenpanschen kann. Ich muss sagen, dass der Job für mich völlig richtig war. Ob es lediglich ein Konzerner war den man mit einer Überdosis aus einem Club am Wochenende schleifen durfte oder ein Solo, mehr Metall als Mensch für wegen dem wir erst einmal eine Gruppe Gonks zu einem größeren Haufen Elend als ihn selbst niederballern durften, um erst an ihn ranzukommen wurde es nie langweilig.

Die Bezahlung war für NC angemessen und noch viel wichtiger als die Action und gerade an zweiter Stelle hinter dem Fakt, dass man in dieser gottverdammten Stadt etwas tut was sich auch nur einigermaßen als „gut“ beschreiben lässt: Das Trauma Team wird respektiert, jedenfalls von den meisten.
Irgendwelche Psychos oder Boosterganger werden natürlich immernoch auf sie schießen, doch die wenigsten wollen es sich mit ihnen verscherzen, nur logisch wenn man von ihnen auch aus der Scheiße geholt wird. Doch NC ist noch immer NC und der Schimmel verdirbt den ganzen Laib SCOP-Toast, auch wenn die letzte Scheibe ja noch in Ordnung aussieht.

Es sollte ein typischer Einsatz werden, ein Solo musste extrahiert werden, ist ja etwas tagtägliches im Beruf. Der Patient war von der höchsten nur möglichen Mitgliedschaft gedeckt, also hohe Priorität und doch weniger alltäglichen Faktor als zuerst angenommen. Was das Team dann allerdings erwartete, überstieg sämtliche Erwartungen. Unser Klient war mit so vielen Arasaka-Logos zugekleistert, dass es mich nicht gewundert hätte, wenn er sich den Namen „Saburo Arasaka“ als Arschgeweih hätte stechen lassen.

Da sein Unterkörper allerdings in Stückchen kreuz und quer verstreut war, sollte ich jedoch nie herausfinden, ob das der Fall war. Und noch schlimmer als das, war ein gesamtes Team an Militech-Agenten hinter ihm her. Das wäre normalerweise die Zeit gewesen, in der das Team hätte evakuieren und den Klienten hinterlassen müssen, denn die Militechs waren garantiert ebenso gut versichert wie der Solo. Doch der Einsatzleiter bestand darauf, dass wir es um jeden Preis durchziehen müssen. Wir schafften es dennoch, uns in einer Aktion, welche sich nur als blutiger Staffellauf beschreiben lässt, zu schnappen, was von dem Solo übrig geblieben ist. Das ganze endete allerdings darin, dass von dem Einsatzteam bis auf mich niemand mehr übrig blieb, der Solo in meinen Armen erlegen ist, und der Einsatzleiter absolut angepisst war. Niemand in diesem Team hat auch nur ansatzweise etwas falsch gemacht, doch das wollte er nicht hören. Der Job wäre vergeigt, mein Job wäre terminiert.

Ich würde lügen, würde ich sagen, dass ich nicht am Boden zerstört war und eventuell einige Nächte und Nachmittage in ranzigen Bars in der Jig-Jig-Street versoffen hätte, oder Tagträume darüber hatte mir einen Cyberarm und eine alte ChainRipp zu besorgen, in das MedCenter zu rennen und den Typen zu so feinem Hackfleisch zu verarbeiten, dass es direkt in die Küche des Embers geliefert werden könnte. Doch so eine Aktion wäre purer Selbstmord, deswegen warte ich. Eines Tages ist der Penner dran, denn selbst er muss irgendwann unvorsichtig werden. Stattdessen wendete ich mich an einen lokalen kleinen Fixer in Rancho der mir ein Paar Gonks die etwas medizinische Hilfe brauchen zukommen lässt. Auch wenn ich kein offizielles Mitglied von Trauma mehr bin, kann ich ja weiterhin mein Können benutzen, denn im Gegensatz zu manchen anderen Mitgliedern habe ich mich nicht nur auf Chipware verlassen sondern kann ich operieren und Medikamente herstellen. Ja - jeder kann sich einen Chip einsetzen und etwas erledigen. Doch was wenn der Chip auf einmal abhanden kommt oder die Buchse streikt?

Das Leben hat sich bis dahin wieder reguliert, das Gehalt war schmaler als bei Trauma, meine „Praxis“ kleiner und schlechter ausgestattet als das MedCenter in Watson und die Patienten mindestens genauso anstrengend waren. Es gibt nichts lieber was ich mache, als Leute wieder zusammenzuflicken, doch das hält mich der hippokratische Eid nicht davon ab, dass wenn jemand eine richtige Arschkrampe zu mir ist, ich nicht zögere auch mal andere Saiten aufzuziehen. Einmal kam mir so ein Möchtegern-Politico in die Praxis, kaputter Mr. Studd. Nachdem ich dafür gesorgt habe, dass der Gute nicht mit einem verkohltem Würstchen rumlaufen darf, sehe ich gerade einmal einige Wochen ihn wieder. Dieses Mal im Fernsehen, bei einer Rede darüber, wie schrecklich Nomaden ja für Night City sein, und wie alles schlechte von ihnen kommt.

Da ist mir schnurstracks der Kragen geplatzt und in einem doch unweisen Manöver, habe ich mich an einen Media gewendet und ihm unter Umständen seine komplette Krankenakte samt allen unangenehmen Details zukommen lassen. Ich fand die Aktion genial, der Fixer hingegen weniger und der Politiker erst recht nicht. Es war eine vollkommene öffentliche Demütigung und ich bin mir deshalb sicher, dass ich auf seiner Shitlist relativ weit oben stehe. Nur hat mir die Aktion das Problem eingebrockt, dass das Geld noch schmaler und die Patienten noch weniger als vorher wurden. Doch einen letzten Lichtblick gab es. In einem Onlineforum sah ich einen Post, der für einen Gig als Medtech Werbung machte. Weg von der Praxis, wieder zurück in die Action: Also schnappte ich mir meine alte Rüstung, entstaubte das Sturmgewehr und wartete auf den Rückruf vom Fixer.

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